Jazzstudio: Olivia Solner

Bild: Jazzstudio: Olivia Solner

Olivia Solner. (Bild: PR)


“Ich mag das Untergründige”

Olivia Solner ist die Newcomerin des Jahres beim Stimmenfang Festival 2009 in Nürnberg. Ein Gespräch mit der jungen Künstlerin über typischen Jazz und nicht so typischen Pop.

LOTTALEBEN: Erklär uns, Olivia, was ist typischer Jazz und wie unterscheidet sich deine Musik von ihm? Die Nürnberger Nachrichten schreiben, deine Musik sei nämlich kein typischer Jazz.

OLIVIA SOLNER: Was ist Jazz überhaupt? Über solche Definitionen kann man sich ja ewig streiten. Und typisch? Vielleicht denkt man da an die Standards, an das Repertoire aus dem „Great American Song Book“. Viele Sachen, die man von Frank Sinatra kennt oder von Ella Fitzgerald. An Klischees. Ich weiß nicht.

LOTTALEBEN: Alle großen Namen zählst du bei MySpace aber zu deinen Einflüssen.

OLIVIA SOLNER: Natürlich, ich bin mit ihnen aufgewachsen und ich liebe diese Musik einfach. Trotzdem mache ich nicht alles, was dort vorkommt. Was zum Beispiel ganz, ganz typisch für den Jazz ist, ist die Improvisation – und bei einer Sängerin der Skatgesang. Das mache ich in meinen Liedern überhaupt nicht.

LOTTALEBEN: Weil du es albern fändest?

OLIVIA SOLNER: Nein, weil mir das nicht liegt. Ich könnte es natürlich. Und wenn ich mal irgendwo Standards performe, dann singe ich auch meine Solos mit Skatting. Aber in meinem eigenen Programm mit meinen eigenen Stücken – da sehe ich nicht, wie Skat-Gesang dazu passen sollte.

LOTTALEBEN: Der Gegenentwurf zu Yara Linss, oder? Sie kam beim letzten Stimmenfang als Newcomerin groß raus.

OLIVIA SOLNER: Yara geht beim Skatgesang ziemlich schön ab, ja. Wobei ihre Musik auch ganz anders ist. Da bleibt sehr viel Raum für diese Art von Improvisation. Ich mache andere Improvisationen.

LOTTALEBEN: Was wäre noch typisch für Jazz?

OLIVIA SOLNER: Dass man zum Beispiel gewisse Akkorde benutzt, oder gewisse melodische oder harmonische Motive. Ich benutze mehr Elemente aus dem Blues, auch etwas Rock’n’Roll nehme ich hier und da mit rein und Pop-Elemente der 60er Jahre.

LOTTALEBEN: Warum dann nicht gleiche eine Popkarriere, ist da nicht mehr Geld zu holen? Gute Stimme, hübsches Gesicht, du bist doch mit allem gesegnet, was das Pop Business verlangt.

OLIVIA SOLNER: Weil das nicht die Musik ist, die ich von meinem Herzen aus machen will, ganz einfach.

LOTTALEBEN: Was hat der Jazz mehr zu geben, oder deine Art von Jazz, deine Musik?

OLIVIA SOLNER: Darin kann ich mich ausleben. Das ist das, was ich fühle, was sich für mich richtig anfühlt. Das ist authentisch. Wenn ich jetzt versuchen würde, einen auf Christina Aguilera zu machen – dabei nichts gegen Augiliera, klasse Frau, klasse Stimme! – aber das ist nicht meine Musik. Oder auch Beyonce, Alicia Keys: Alles nicht meine Musik. Trotzdem bewundere ich einige Popsängerinnen wie diese.

LOTTALEBEN: Es gibt Menschen, die empfinden es als anstrengend, wie im Jazz die Töne rauf und runter gehen. Erklär uns die Faszination der Jazzmusik für Neueinsteiger.

OLIVIA SOLNER: Zuerst mal, bei mir gehen die Töne gar nicht hoch und runter. Ich füge musikalische Elemente zusammen, die mir gefallen, und variiere sie. Dabei ist immer ein Überraschungsmoment. Etwas Unvorhergesehenes. Bei Popmusik kann man ja vorausahnen, welcher Akkord als nächstes gespielt wird, selbst wenn man ihn gar nicht benennen kann. Die Hörgewohnheiten werden bedient. Bei mir ist es so, dass ich diese Hörgewohnheiten durchbreche. Mit Geistesblitzen oder Schnapsideen, wie auch immer. Dann kehrt der Song auf gewohntes Terrain zurück, nur um wieder auszureißen.

LOTTALEBEN: Wie kommt es, dass dabei die Jazzsängerin auf der Bühne ganz häufig in einer getragenen Melancholie beginnt, oder täuscht das?

OLIVIA SOLNER: Oh Gott. Echt? Das kann ich nicht beantworten.

LOTTALEBEN: Vielleicht täuscht es doch.

OLIVIA SOLNER: Vielleicht. Es kommt bestimmt auf die Sängerin an. Es gibt Sängerinnen, die singen ein Programm von zehn Stücken und davon sind sieben Balladen.

LOTTALEBEN: Bei dir steckt aber schon auch einige „Bittersweetness“ drin, oder?

OLIVIA SOLNER: Einerseits. In „The Likes Of You“ und „Fall Down“.Die sind von der Stimmung her relativ verwandt. Aber zum Beispiel „Honest Fake“ geht gleich nach vorne mit Zackbummkrachpeng. Soulig angehaucht. Und „Lola“ ist meine ureigene Interpretation dieses Jazzstandard, der eigentlich in jeder Version, die ich gehört habe, immer diesen Vamp beschreibt: Eben „Whatever Lolla wants, Lola gets“. Viel aggressiver geht es eigentlich kaum, und ich habe mir überlegt, wie wäre es wenn Lola stattdessen ein Bisschen gaga ist, ein paar Schrauben locker hätte. Eher untergründig gefährlich, statt frontal drauf los. Wie wäre es, wenn Lola so ein Bisschen am Rande des Wahnsinns stünde? Da klingt gar keine Melancholie raus. Sondern was? Das überlasse ich den Hörern, aber melancholisch ist es nicht.

LOTTALEBEN: Hast du ein Metathema über das du schreibst? Eins, das hinter allem steht?

OLIVIA SOLNER: Eigene Erfahrungen.

LOTTALEBEN: Biografisch?

OLIVIA SOLNER: Nicht konkret, aber aus dem Leben ziehe ich meine Themen. Ich abstrahiere alles. Wenn man die Texte liest, weiß man nicht, es muss sich um einen Mann handeln, oder es kann nur das und jenes konkrete Erlebnis gemeint sein. Wie im Musikalischen arbeite ich auch textlich eher untergründig. Warum sollte ich auch offensiver und offensichtlicher daran gehen. Das wäre unspannend. Zu große Klarheit kann langweilig sein.

LOTTALEBEN: So wie im Pop oder Hip Hop.

OLIVIA SOLNER: Genau. Popmusik ist deswegen einfach nicht meins. Was soll ich sagen? Das ist genau wie mit der klassischen Musik. Ich habe früher auch klassischen Gesang gemacht und irgendwann festgestellt: Ich höre da zwar sehr gerne hin und bewundere auch Sänger, die so was schön machen können, aber für mich selber ist das nichts.

LOTTALEBEN: Klassik magst du gar nicht mehr? Du hast doch eine klassische Gesangsausbildung …

OLIVIA SOLNER: Im Prinzip ist das wie mit Kleidergröße 34, passt mir nicht, Punkt.

LOTTALEBEN: Die Sängerinnen von vorhin mal beiseite. Gibt es nicht irgendwelche ambitionierten Popstars, deren musikalischen Einfluss du noch gelten lassen würdest?

OLIVIA SOLNER: Wen ich ganz toll finde, sind „The Black Keys“. Beziehungsweise deren Sänger, der hat eine Soloplatte rausgebracht. Dan Auerbach. Seine Platte heißt „Keep It Hid“. Also „Halte es versteckt“. Das passt ja zu meinem Verständis. Reiner Pop ist das natürlich nicht, auch wieder sehr blusig, so ein bisschen sumpfig. Ein bisschen dreckige Gitarren. Das mag ich. Was ist Pop, was ist Alternative, was ist Rock, was ist Jazz?

LOTTALEBEN: Und wenn Auerbach nicht kommt, schaltest du das Radio ab?

OLIVIA SOLNER: Die Stimme von Emiliana Torrini find ich noch sehr einprägsam, die bleibt gut im Ohr. Den Song „Jungle Drum“ selber, naja, der hat immerhin was.

LOTTALEBEN: In der Liste deiner Einflüsse stehen auch Nirvana und Kurt Cobain.

OLIVIA SOLNER: Besonders was die Texte angeht, finde ich Nirvana großartig. Die Musik natürlich auch, aber man kann nicht sagen, ich hätte musikalische Einflüsse von Nirvana in meinen Songs. Das wäre natürlich Quatsch. Aber die Texte finde ich großartig. Auch hier dieses untergründige Nichtwissen, was meint er jetzt genau? Wen ich musikalisch unfassbar bewundere und wer mich bei meinen neuen Kompositionen durchaus konkret beeinflusst, das ist Jeff Buckley. Als ich meine erste CD fertig aufgenommen hatte, da fiel irgendwie sein Name und jemand sagte, meine Musik habe was von Jeff Buckley. Ich kannte ihn gar nicht, aber dann hab ich recherchiert. Und dabei hat es Klick gemacht.

LOTTALEBEN: Was steckt da in der Musik, was du gut findest?

OLIVIA SOLNER: Was ich an Jeff Buckley so mag, ist, dass er es auch gewagt hat Akkorde zu nehmen, die in diesem Rock/Pop-Bereich nicht so „in“ sind, nicht so oft gehört werden. Und dass er auch mit seiner Stimme Sachen macht, die nicht typisch Rock/Pop sind. Und er bringt kein aufgesetztes Getue. Das ist das, was ich nicht leiden kann, egal in welcher Musikrichtung: aufgesetztes Getue und Gehabe und das Gefühl, dass der Sänger oder die Sängerin sich selbst beweihräuchert, anstatt das von sich zu geben, was im Herzen ist.

LOTTALEBEN: Du hast von neuen Kompositionen gesprochen, bekommen wir die im Jazzstudio schon zu hören?

OLIVIA SOLNER: Ja, natürlich! Einige Songs habe ich Ende Juni aufgenommen, und die werden sowieso gespielt. Und dann zusätzlich spielen wir noch zwei brandneue Songs, die bisher noch nie gespielt worden sind. Wir haben die bisher noch nicht einmal geprobt. Das zweite habe ich gerade letzte Woche fertig gemacht. Eines ist nur für Bass und Stimme, das hatte ich in der Kombination noch nicht gemacht. Ich habe Sachen mit Klavier und Stimme, aber mit Bass und Stimme hatte ich noch nichts. Das andere ist ohne Schlagzeug.

LOTTALEBEN: Für wie viele Stunden hat eine junge Künstlerin wie du eigentlich Material, wenn du nur die eigenen Sachen her nimmst?

OLIVIA SOLNER: Vielleicht eine Stunde. Aber ich habe ja noch Coversachen dabei. Coverversionen, denen ich auch meine eigene Handschrift verpasst habe. Zum Beispiel „Walking In Memphis“ in einer komplett anderen Version, als sie je im Radio gelaufen ist, wirklich komplett anders. Ein paar Überraschungen in dieser Art.

LOTTALEBEN: In diesem Sinne. Wir freuen uns auf deine große Premiere am 7. Oktober und drücken dir beide Daumen.

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